Terroristen und Wutbürger

von terrorreihe

Über den Zusammenhang von Fetischisierung und Verdrängung der politischen Gewalt

Vortrag und Diskussion mit Gerhard Scheit

Der Bürger von heute, der in seiner Wut nicht aufhört, die Gewalt zu verdrängen, die ihm sein Auskommen sichert, so gering es auch sein mag, ist der Volksgenosse von morgen – das zeigt sich in seiner direkten oder indirekten Komplizenschaft mit den Djihadisten.

Die Linke aber entpuppt sich, wie um ihre RAF-Vergangenheit zu büßen, geradezu als Meister dieser Verdrängungsleistung. Noch dort, wo sie sich antideutsch geben mag, an Adornos Werk als einer Art Gebetsmühle herumhantiert und mit dessen Dikta trommelt, zieht sie es vor, der Frage von Leviathan und Behemoth, Souverän und „Gegensouverän“ (Manfred Dahlmann) sorgsam auszuweichen (wofür die Kritische Theorie im Kalten Krieg übrigens noch Gründe hatte).

Engagement als Geblök und Widerstand als Selbstmordattentat, von Wutbürgertum und Djihadismus in wechselseitiger Solidarität praktiziert, wird von den einen so beantwortet, dass sie überhaupt keinen Begriff mehr von Engagement und Widerstand haben, Kritik lieber als Duftnote zur Abgrenzung des Theorie-Reviers einsetzen. Die anderen aber, die mit allem Recht der Welt praktische Formen der Israelsolidarität einfordern, weigern sich umgekehrt, diese Formen auch zu reflektieren, betreiben also lieber „Realpolitik“, als stünden nicht die Voraussetzungen aller Politik zur Disposition.

Das Existentialurteil über das Ganze, das unwahr ist, weil es auf Gewalt beruht, und der kategorischen Imperativ nach Auschwitz, der die Anwendung von Gewalt einschließt, wären jedoch aufeinander zu beziehen. Und was einem Angehörigen der Israel Defense Forces täglich bewusst sein muss, ist der eigentliche Kern der Frage: Wie die Notwendigkeit, Gewalt anzuwenden, deren Fetischisierung, also der „Freiheit zum Opfer“ (Heidegger), entgeht.

Gerhard Scheit ist freier Autor und lebt in Wien. Er gab mehrere Bände der Jean Améry-Gesamtausgabe heraus, lehrte an mehreren Universitäten Österreichs und ist aktuell vor allem mit der Kritik des Staats- und Völkerrechts und des Antisemitismus befasst.

Veröffentlichungen u.a.:

  • Die Meister der Krise. Über den Zusammenhang von Menschenvernichtung und Volkswohlstand, Freiburg i. Br. 2001
  • Suicide Attack. Zur Kritik der politischen Gewalt, Freiburg i. Br. 2004
  • Verborgener Staat, lebendiges Geld. Zur Dramaturgie des Antisemitismus, Freiburg i. Br. 2006
  • Jargon der Demokratie. Über den neuen Behemoth, Freiburg i. Br. 2007
  • Der Wahn vom Weltsouverän. Zur Kritik des Völkerrechts, Freiburg i. Br. 2009
  • Quälbarer Leib. Kritik der Gesellschaft nach Adorno, Freiburg i. Br. 2011

Die Veranstaltung findet am Montag, den 16. Januar 2011 um 20 Uhr im Hörsaal 17 des Universität-Hauptgebäudes (Englisches Seminar, Regina-Pacis-Weg) statt.

Der Eintritt ist frei.